Donnerstag, Juli 17, 2014

Zukunftsängste


Zugegeben, die Worte meiner Lehrer hallten mir auch heute noch in den Gedanken. Sätze wie: „Mit einem guten Abschluss, wirst du eines Tages einen guten Job erhalten“ oder „Dein Durchschnitt ist entscheidend für deine Zukunft.“, ließen mich nicht los. Ich beschäftige mich mit diesen Weissagungen, mit diesen Versprechen. Mehr sind sie allerdings auch nicht – nur Versprechen, die sich wohl niemals erfüllen werden. Zumindest in Sachsen gibt es kaum gute Chancen einen anständigen Beruf zu erhalten, der genug Geld abwirft, sodass man über eine eigene Wohnung nachdenken könnte. Ich selbst hatte mir in der Schule den „Arsch“ aufgerissen und meine Fachhochschulreife mit 1,6 abgeschlossen. Nach etlichen Auswahlverfahren, durch welche ich beinahe ganz Deutschland bereist habe, wurde ich vom Unternehmen XY ( Name wurde ersetzt ) angenommen. Ein duales Studium mit hervorragender Bezahlung, super Zukunftsaussichten und einem Arbeitgeber, der angesehen ist und sicher in den nächsten Jahren nicht Bankrott gehen würde. Zu Beginn sah es genau danach aus und ich setzte mir die rosarote Brille auf, grinste zufrieden und freute mich auf einen Neuanfang in Heilbronn, wo sich meine Schule befand. Da ich Städte wie Mosbach, Aachen, Berlin, Potsdam, Brühl, Köln etc. bereits bereist hatte, war ich nun sichtlich erleichtert, etwas in der Tasche zu haben.
 Im September 2013 startete ich mein neues Leben in einer fremden Stadt etwa 540 km von zu Hause entfernt. Ich zog es vor in einer WG zu leben, da die Preise für ein Apartment oder Zimmer in den Unterkünften für Studenten zu teuer waren. Die Schule in Heilbronn war modern, ausgestattet mit den tollsten Dingen. Unsere Dozenten waren vorbildlich, freundlich und sie konnten den zu lernenden Stoff perfekt rüberbringen. Allen in allem war ich mit der Schule mehr als zufrieden. Ich genoss die Zeit mit meiner Klasse, nutzte die Gelegenheit um Heilbronn näher kennen zu lernen und trauerte insgeheim meiner Heimat nach. Ab und an besuchte ich über eine Mitfahrgelegenheit meine Familie. Im drei monatigen Wechsel pendelte ich also zwischen meinem zu Hause und Heilbronn hin und her. Zu Weihnachten begann das Zittern, weil man auf die Prüfungsergebnisse wartete. Im Februar erhielt ich schließlich die besagte Mail und siehe da, ich hatte alles bestanden. Vor Glück konnte ich es kaum erwarten zu meiner Schule, nach den Arbeitswochen, zurück zu kehren. Der letzte Tag in der Regionalgesellschaft jedoch, sollte mir einen Strich durch die Rechnung machen. Nun, sagen wir es einfach mal so, Unternehmen XY und ich trennten uns zwei Tage nach meinem Geburtstag. Anfangs war ich erschüttert über ihre Entscheidung, bis ich herausfand, dass es nicht nur mich, sondern mehrere Studenten getroffen hatte. Einige gingen freiwillig, weil ihnen der Druck zu viel wurde, andere wurden ohne Grund entlassen. Heut zu Tage darf man nicht krank sein, muss freiwillig Überstunden leisten und über einfach alles hinwegsehen. Das habe ich nun gelernt. Immerhin heißt es ja: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ In der Probezeit hat der Betrieb das Recht auf seiner Seite und somit stand ich vor dem Nichts. Ich hatte ein WG – Zimmer am Hals, ein Auto und einen Laptop, die ich mir für die Arbeit / die Schule anschaffen musste. Rund 5.000€ Schulden, die meine Eltern mir vorgestreckt hatten. Nun hieß es auf schnellstem Wege die Schule abzumelden, das Zimmer zu kündigen und irgendwie Fuß zu fassen, aber keinesfalls in dieser Stadt. Versteht mich nicht falsch, Heilbronn versprüht einen gewissen Charme, wer aber in Sachsen und speziell in der Nähe von Dresden aufgewachsen ist, wurde verwöhnt. Obwohl man mir versprach, dass mich die Schule bei der Suche nach einem anderen Unternehmen unterstützen würde, erhielt ich keine Hilfe. Mitten im 2. Semester suchte ich meine Sachen zusammen, löste den Vertrag mit meiner Vermieterin ( eine sehr verständnisvolle Frau ) und kehrte nach Sachsen zurück. Meine neu gekauften Möbel musste ich für einen geringeren Preis verschachern und so verlor ich einiges an Geld, hatte ich doch gerade einmal 3 Monate in diesem Zimmer verbracht. Es half nichts. Zu Hause machte ich mich sofort auf die Suche nach einer Ausbildung, einem dualen oder normalen Studium, einer Möglichkeit auf eine Zukunft. Das Amt konnte mir nicht weiterhelfen, vermittelte mich an Aushilfsjobs, wo ich zwischen 4,50€ und 6€ die Stunde erhalten würde. Hinzu kam die Tatsache, dass sich diese besagten Jobs etwa 20 – 30 km entfernt befanden und es sich aus meiner Sicht nicht lohnte. Also suchte ich mir selbst einen Nebenverdienst. Mit meinem neuen Arbeitgeber war ich mehr als zufrieden. Dennoch blieb die Frage: Was für eine Zukunft würde ich ab Herbst anstreben? Ich entschied mich für ein Studium in Dresden. BWL sollte es sein. Ich schickte meine Unterlagen an eine der Schulen und siehe da, Anfang Juli meldete man sich bei mir. Allerdings wurde ich nicht wie erwartet aufgenommen, nein, man sagte mir, ich könnte an dieser Schule nicht ohne weiteres ein Studium im Bereich BWL beginnen, da ich in Heilbronn bereits auf diesem Gebiet ein Semester studiert hatte. Man erklärte mir weiterhin, dass ich in das 2. Semester einsteigen könnte, was allerdings erst im Februar 2015 beginnen würde. Ich riss das Telefon förmlich an mich und versuchte der netten Frau am anderen Ende zu erklären, dass ich in Heilbronn Handel & Konsumgüter studiert hatte, in Form eines dualen Studiums. Das Gebiet mochte vielleicht gleich sein, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich die Noten besaß, die ich in das erste Semester übernehmen sollte. Ein duales Studium war etwas völlig anderes und die Noten wurden bei uns unter den Semestern aufgeteilt, sodass ich in Mathe nur eine Teilnote besaß, die herausfiel und ungültig wurde, weil Statistik mit hineinzählte, was ich im 2. Semester hätte abschließen müssen. Da saß ich also, ohne eine Chance auf ein Studium. Man vertröstete mich mit einer Nummer, die ich mehrmals versuchte anzurufen, wo aber nie jemand abnahm. Komischerweise erging es einer Freundin ebenso. Sie wird allerdings im Herbst im Westen mit demselben Studium beginnen, was mir in Sachsen verweigert wurde.

Ich bewarb mich natürlich auch für eine Ausbildung und wurde schnell eingeladen. Meine Noten überzeugten, anscheinend zu sehr. Ich wurde mit dem Satz „Mit einem Schnitt von 1,6 wollen sie doch gar keine Ausbildung machen, sie sind überqualifiziert.“ abgelehnt. Nun bin ich also arbeitslos, halte mich mit einem Aushilfsjob über Wasser und habe keine Aussicht, dieses Jahr etwas beginnen zu können. Nicht, das ich es nicht versucht hätte, aber man gab mir auch kaum eine Chance. Ich finde es grauenvoll, dass ich mir all die Jahre die Zeit nahm in der Schule zu lernen. Ja, ich höre schon förmlich das Gelächter jener, die es nie für nötig hielten und die sich nun an derselben Tiefstelle in ihrem Leben befinden wie ich. Die Frage was ich mit meiner Zukunft anfangen soll, kann ich nur mit der Gegenfrage „Welche Zukunft?“ kommentieren. Ich sehe schwarz für Deutschland und speziell für den Osten. Heut zu Tage ist es kaum mehr möglich in der Heimat etwas zu finden. Deutschland unterstützt die Abwanderung in den Westen oder in das Ausland, das musste ich nun lernen. Soll ich also wirklich erst in die Schweiz auswandern und Sachsen den Rücken kehren, damit ich eines Tages von meinem Beruf, den ich anstrebe, leben kann? Ist es nicht eher Sinn und Zweck die Jugend in Deutschland zu halten? Was wird aus den Generationen, wenn die Deutschen das Land fluchtartig verlassen und dafür Migranten nachrücken, die seit Neustem nicht einmal unsere Sprache sprechen müssen? Ich lebte in Heilbronn mit einem Ausländeranteil von 46,1% ( 2011 laut Wikipedia ). Ich muss zugeben, dass ich damit überfordert war, da ich kein Türkisch oder Französisch konnte. Ich konnte mich nicht im Laden oder mit dem Busfahrer unterhalten, weil man mich oft nicht verstand. Ist es also noch normal, dass mir jegliche Chancen genommen werden, aber den Migranten geholfen wird? Deutschland, wo bleibt die Unterstützung für eure eigenen Kinder? Sollen wir auf der Straße leben, unseren Eltern bis 25 auf der Tasche hängen, um dann ins Hartz 4 zu fallen? Ist das wirklich der Lebensinhalt, nach dem wir uns sehnen? Hier muss es einen Umbruch geben, ansonsten sehe ich schwarz. Ist diesem Land noch zu helfen oder können wir dem Irrsinn nicht mehr entkommen? Ich persönlich blicke einer ungewissen Zukunft entgegen. Ich weiß mit 21 Jahren nicht, was ich studieren soll, was ich arbeiten soll, wo ich mich bewerben soll. Es ist zum Verzweifeln. Ich erwarte keine bahnbrechende Veränderung in unserem System, aber eine helfende Hand wäre wirklich zu begrüßen.

 
„Deutschland schafft sich ab“ – hatte Sarrazin geschrieben. Damals habe ich es nicht verstanden, doch jetzt stimme ich ihm zu. Mal ehrlich, ist eine Chance wirklich zu viel verlangt? Denkt darüber nach und ihr wisst bereits heute, was eure Kinder eines Tages durchmachen müssen. Habt ihr schon das Geld für die Auswahlverfahren parat gelegt? Euch ist hoffentlich klar, dass ihr halb Deutschland bereisen werdet, das Geld oft nicht erstattet bekommt und sich euer Kind irgendwelchen Idiotentests stellen muss, die nicht das geringste mit dessen Intelligenz zu tun haben. Ich blicke dieser Tatsache kopfschüttelnd entgegen und bezweifle, dass wenn ich irgendwann hier Fuß fassen werde, ich meinen Kindern so etwas antue. So etwas habe ich nach meinem Schulabschluss nicht erwartet. Darüber hinaus ist die Tatsache zu betrachten, dass XY sich von mehreren Studenten trennte. Alles schön und gut und XY ist damit auch nicht allein, dennoch haben wir Unkosten, Sorgen und Probleme, derer sich keiner annimmt. Ist es denn gerecht, dass ein solches Unternehmen mit uns Jugendlichen so spielen darf? Erst stellen sie Forderungen ( Auto, Führerschein, Wohnung, Computer ) und dann lassen sie uns fallen. Ich dachte nach dem Bewerbungsmarathon, der bereits aus einem Onlinetest, Telefoninterview, Assessment Center, einem Probearbeitstag, einem Test in Mosbach bestand, dass ich alles hinter mir hätte. Als ich natürlich von der Schule erfuhr, dass allein in diesem Jahr rund 23 Studenten bei XY ihren Abschluss gemacht hatten und ich mir ausrechnete, dass wir im Oktober 2013 mit drei XY Klassen zu je 25 Schülern gestartet waren, wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Wer von euch also auf ein duales Studium hofft, dem kann ich nur sagen: Entweder ihr beißt euch durch und lernt mit den Enttäuschungen umzugehen, oder ihr lasst es gleich bleiben. In eurem Lebenslauf wird diese Sache für immer verankert sein und die Fragen nach dem warum ( als hätte ich sie mir nicht selbst oft genug gestellt ), werden euch quälen. Was bleibt sind Selbstzweifel und Ängste.

So, ich habe meinem Frust nun Luft gemacht und versuche nach vorn zu schauen. Der Lichtblick hat mich 2014 noch nicht erreicht, ich bange und hoffe allerdings, dass er sich irgendwann zeigt. Bis dahin bleibt abzuwarten, für welches „sinnlose“ Studium ich mich entscheide. Denn ich möchte nicht NICHTS machen. Vielleicht folge ich nun meinem Kindheitstraum, oder ich warte bis 2015 und starte einen neuen Bewerbungsmarathon. Drückt mir die Daumen. Ich hoffe auf das Beste.

 
Eure Marie-Luis

 

 

1 Kommentar:

  1. Ein sehr ausführlicher Beitrag über die Wahrheit! Ich kann teilweise verstehen, wie es dir geht. Meine Berufschancen mit meinem Studiengang sind auch sehr negativ. Zu Beginn wurde uns versprochen, dass bis zum Ende des Studiums alles total im Kommen wäre und sich alle um uns reißen würden. Und was nun? Nichts ist gekommen, mein Studiengang wird nicht mal mehr immatrikuliert und ich habe absolut kein Plan, was ich nach dem Studium machen soll - vorausgesetzt, dass ich es schaffe, das Studium zu beenden, was gerade nicht so aussieht.

    Und selbst wenn man einen Job bekommt, dann muss man kilometerweit umziehen und kann wahrscheinlich nicht mal mit dem Partner zusammenleben, weil die Chance, in einer Stadt für beide etwas zu finden, mittlerweile minimal ist. Ich komme übrigens aus Thüringen, habe in Sachsen-Anhalt studiert und bin jetzt gerade wieder nach Thüringen gezogen mit meinem Freund. Er hat einen Job, ich nicht. Klar, ich studiere gerade noch in den letzten Zügen. Aber meine Jobaussichten sind hier sehr gering. Und das finde ich traurig. Denn ich mag den Osten sehr gerne, ich mag Thüringen sehr gerne. Und ich möchte eigentlich nicht in irgendein riesiges Ballungszentrum im Westen ziehen, wo ich mich nicht heimisch fühlen kann.

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